CE vor FDA: Warum radiologische KI-Zulassungen zeitversetzt kommen – und was das für die Beschaffung bedeutet
Eine aktuelle Studie zeigt, wie groß der zeitliche Abstand zwischen CE-Kennzeichnung und FDA-Zulassung bei KI-gestützter Radiologie-Software tatsächlich ist – mit direkten Konsequenzen für die Planung in deutschen Kliniken.
Mit KI-Unterstützung erstellt · redaktionell geprüft und verantwortet von Steven Breuer.

Wer in der radiologischen Abteilung über die Anschaffung eines KI-gestützten Diagnosetools entscheidet, kennt das Problem: Manche vielversprechenden Systeme sind in Europa längst verfügbar, während sie in den USA noch auf die FDA-Zulassung warten – oder umgekehrt. Eine aktuelle Analyse in npj Digital Medicine liefert dazu erstmals belastbare Zahlen und macht deutlich, dass es sich nicht um Einzelfälle, sondern um ein systematisches Muster handelt.
Die Datenlage
Das Forschungsteam um George CM Siontis hat 239 KI-gestützte Radiologie-Softwareprodukte untersucht, die entweder eine CE-Kennzeichnung, eine FDA-Zulassung oder beides erhalten haben. Die Daten stammen aus dem öffentlich zugänglichen Health AI Register sowie aus FDA-Quellen. Das Ergebnis im Überblick:
- 128 Geräte waren ausschließlich CE-gekennzeichnet, ohne FDA-Zulassung.
- 95 Geräte erhielten zunächst die CE-Kennzeichnung und später die FDA-Zulassung.
- Nur 16 Geräte gingen den umgekehrten Weg – FDA zuerst, CE-Kennzeichnung danach.
Bei den Geräten mit beiden Zulassungen zeigt sich ein deutlicher zeitlicher Unterschied: Wenn die CE-Kennzeichnung zuerst kam, vergingen im Median 17,5 Monate (Interquartilsabstand 8,0–35,5) bis zur FDA-Zulassung. Ging der umgekehrte Weg – FDA zuerst –, waren es im Median nur 3,5 Monate (IQR 1,0–11,3) bis zur CE-Kennzeichnung. Dieser Unterschied ist statistisch hoch signifikant (p < 0,001).
Welche Faktoren die Verzögerung beeinflussen
Die Studie identifiziert zudem Merkmale, die mit der Dauer bis zur zweiten Zulassung zusammenhängen:
- Software zur Röntgenbild-Interpretation ist mit einer signifikant längeren Zeit bis zur zweiten Zulassung assoziiert (Hazard Ratio 0,42; 95%-Konfidenzintervall 0,21–0,84; p = 0,01) – solche Produkte brauchen also tendenziell länger, um in beiden Jurisdiktionen anzukommen.
- EU-Klasse-IIa-Einstufung korreliert mit kürzeren Intervallen (Hazard Ratio 4,99; 95%-CI 1,77–14,04; p < 0,01).
- Peer-reviewte Evidenz zeigte einen Trend zu kürzeren Intervallen, war aber statistisch nicht signifikant (Hazard Ratio 1,44; 95%-CI 0,83–2,49; p = 0,19).
Was das für deutsche Kliniken bedeutet
Für Radiologie-Abteilungen, IT-Leitungen und Einkauf ergeben sich aus diesen Zahlen konkrete Konsequenzen:
1. CE-first ist der Regelfall, aber kein Selbstläufer. Die überwiegende Mehrheit der untersuchten Produkte (223 von 239) ist zunächst oder ausschließlich CE-gekennzeichnet. Deutsche Einrichtungen haben also grundsätzlich einen zeitlichen Zugriffsvorteil gegenüber US-amerikanischen Kliniken. Das bedeutet aber auch: Ein CE-Zeichen allein sagt wenig darüber aus, ob ein Hersteller mittelfristig auch den US-Markt anstrebt oder eine FDA-Zulassung überhaupt plant. Bei der Anbieterauswahl lohnt sich die gezielte Nachfrage nach der regulatorischen Roadmap des Herstellers – insbesondere wenn internationale Studienkooperationen oder ein Rollout in Multi-Site-Netzwerken mit US-Standorten geplant sind.
2. Röntgeninterpretation ist ein Sonderfall. Wenn Sie speziell in Röntgen-KI investieren, sollten Sie einkalkulieren, dass die Zeit bis zu einer parallelen FDA-Zulassung überdurchschnittlich lang sein kann. Das betrifft vor allem Kliniken, die im internationalen Vergleich oder bei multizentrischen Studien auf identische Softwareversionen in EU und USA angewiesen sind.
3. Klassifikation als Frühindikator nutzen. Die EU-Risikoklasse eines Medizinprodukts (IIa versus höhere Klassen) korreliert mit der Zulassungsgeschwindigkeit. Bei der Marktbeobachtung und Lieferantenbewertung kann die Klassifikationsstufe daher als früher Hinweis dienen, wie schnell ein Produkt regulatorisch "nachziehen" könnte.
4. Peer-reviewte Evidenz einfordern. Auch wenn der Zusammenhang zwischen publizierter Evidenz und Zulassungsgeschwindigkeit in dieser Studie nicht signifikant war, bleibt eine unabhängige Publikationslage ein sinnvolles Auswahlkriterium – unabhängig von regulatorischen Fristen. Für die Bewertung der klinischen Validität eines Tools sollte sie ohnehin Teil jeder Beschaffungsentscheidung sein.
Fazit für die Praxis
Die transatlantische Asymmetrie bei KI-Zulassungen in der Radiologie ist kein Randphänomen, sondern strukturell verankert. Für die Beschaffungsplanung heißt das: CE-Kennzeichnung verschafft deutschen Kliniken meist einen zeitlichen Vorsprung – Verlass darauf, dass ein Produkt zeitnah auch FDA-zugelassen wird, ist jedoch nicht gegeben, insbesondere bei Röntgeninterpretationssoftware. Wer international vergleichbare Systeme benötigt oder mit US-Partnern kooperiert, sollte die regulatorische Historie eines Produkts aktiv erfragen, statt sie als Formsache zu behandeln.